„Wer lernen möchte, den Menschen
die Wahrheit zu sagen, muss lernen, sie sich selbst zu sagen.“
Tolstoi
Leo Nikolajewitsch "Graf" Tolstoi, geboren am 9. September 1828
(Julianischer Kalender: 28. August) auf dem Gut der Adelsfamilie
in Jasnaja Poljana, war ein russischer Schriftsteller, Lehrer
und Philosoph. Seine Werke zählen zu den meistgelesenen der
Welt.
Die Kindheit Tolstois war geprägt von familiären
Schicksalsschlägen. Bereits als Zweijähriger verlor er seine
Mutter, sieben Jahre später verstarb auch der Vater. Tolstoi und
seine Geschwister wuchsen fortan bei Tanten auf. Die frühen
Verluste regten den jungen Tolstoi laut eigenen Berichten schon
früh dazu an, über den Sinn des Lebens zu sinnieren. Bereits im
Alter von 15 Jahren besuchte Tolstoi die Universität. Er
studierte zunächst orientalische Sprachen, wechselte dann jedoch
zu Rechtswissenschaften. Dennoch fühlte sich Tolstoi im
universitären System nicht wohl und verließ die Hochschule 1847
ohne Abschluss. Die folgenden Jahre waren geprägt von Alkohol,
Glückspiel und Affären. Tolstoi machte Schulden und geriet ins
Visier seiner Gläubiger. Das Militär, dem er von 1851 bis 1856
diente, galt als Ausweg aus dieser Spirale. Während des
Krimkriegs kam Tolstoi verstärkt mit der Landbevölkerung
zusammen – ein wichtiger Impuls für die Entwicklung seiner
kennzeichnenden gesellschaftskritischen Haltung. Nach dem Ende
seiner militärischen Karriere und der Rückkehr nach Jasnaja
Poljana widmete sich Tolstoi unter anderem der Volkspädagogik
und gründete für die Kinder der Leibeigenen eine Dorfschule.
Diese wurde von den Behörden jedoch wieder geschlossen. Tolstoi
engagierte sich fortwährend für sozial Benachteiligte, sowohl
auf dem Lande als auch in den Großstädten.
Die Jahre nach dem Militär wurden auch zu Tolstois
schriftstellerischer Blütezeit. Neben zahlreichen Erzählungen
wie „Kindheit“, „Knabenalter“ und „Die Kosaken“, entstand von
1865 bis 1869 der monumentale Roman „Krieg und Frieden“, ein
Epos über den Krieg Russlands gegen Napoleon. In den 70er-Jahren
veröffentlichte Tolstoi schließlich sein nicht minder bekanntes
Werk „Anna Karenina“, ein Roman über Liebe, Ehe und Moral in der
russischen Adelsgesellschaft des 19. Jahrhunderts. Tolstois
Werke sind geprägt von der Lebensgeschichte und Entwicklung
zahlreicher Figuren, die so lebendig gezeichnet werden, dass sie
gar realistischer wirken als die Wirklichkeit. Das Besondere an
Tolstois einfach und flüssig geschriebenen Romanen ist die
detaillierte Beschreibung des alltäglichen Lebens
unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten, während
gleichzeitig über so philosophische und soziologische Themen wie
Religion, Krieg, Moral oder die neue Frauenbewegung sinniert
wird – um letztendlich der menschlichen Natur auf den Grund zu
gehen.
Am 20. November 1910 starb Tolstoi im Alter von 82 Jahren. Seine
Werke hingegen existieren ewig.