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Heike Major
Nur eine
Lungenentzündung – Begegnung mit dem Tod
Rezension:
Es gibt eine Einsicht in
die Natur des menschlichen Lebens, die ebenso trivial wie zumeist
verdrängt ist: Die Einsicht nämlich, dass menschliches Leben stets
kontingent und von den vielfältigsten Gefahren bedroht ist. Diese
Einsicht erfährt die Protagonistin hautnah und bis an die Grenze
ihres eigenen Lebens getrieben: Beinahe blitzartig wird sie aus
ihrem “normalen“ Leben gerissen und weiß nicht warum, sie kann sich
keinen schlüssigen und rational bewegten Reim auf dieses Geschehnis
machen. Als Lehrerin, die ihren Beruf gern und mit Leidenschaft
ausführt, ist sie an einem ganz normalen Tag unterwegs und macht,
wie tausend andere Menschen auch, ihre Besorgungen. Sie spürt nichts
von drohendem Unheil, ist wie immer ganz bei der Sache und erfreut
sich ihrer Aufgaben und deren Bewältigung. Darum ist sie auch
zunächst nicht weiter besorgt, als plötzlich am Abend des folgenden
Tages Schmerzen und ein Unwohlsein ihren Körper heimsuchen. Dann
geht alles ganz schnell und völlig unerwartet: Sie findet sich mit
einem Mal in der Intensivstation ihres heimischen Krankenhauses
wieder, von einer Lungenentzündung mit schweren Komplikationen
geplagt. Ihr Zustand wächst sich in ungeahnter Schnelle zu einer
existenziell-lebensbedrohlichen Situation aus. Mit mikroskopischem
Blick für die vielen beschwerlichen, belastenden und nicht eben
leichten Kontexte im Hinblick auf den Untersuchungs- und
Therapieprozess für ein menschliches Wesen zeichnet die Autorin ein
Bild des Leidens und der Qual, schärft den Blick für das Auf sich
Zurückgeworfensein des eigenen Seins und der Vergänglichkeit des
Lebens durch eine der vielen Möglichkeiten der Begegnung mit dem Tod
und lässt dem Leser dadurch die Endlichkeit des eigenen Lebens
eindrücklich und klar vor Augen treten. Aber zugleich wird auch eine
positive, bejahende Perspektive auf dieses Bild möglich: Denn aus
einer beinahe hoffnungslosen und lebensbedrohlichen Situation kämpft
sich die Protagonistin wieder heraus, entwickelt einen
beispielhaften Überlebenswillen und schafft es schließlich, wieder
ganz gesund zu werden, wenn auch die Verarbeitung der Krankheit und
der Erfahrungen im Krankenhaus noch eine ganze Zeit der Bewältigung
und der Auseinandersetzung benötigen. In der Darstellung dieser
Auseinandersetzung klingen zugleich die unterschiedlichsten
Sinn-Fragen und deren Beantwortung an: Fragen nach der Funktion von
Religionen, Fragen nach unterschiedlichsten spirituellen Quellen und
schließlich auch Fragen nach der ganz konkreten Lebensgestaltung.
Nicht zuletzt wird jedem Leser ins Stammbuch geschrieben, dass das
Leben, gerade auch mit seinen so vielen freudvollen und glücklichen
Seiten, nicht gering geschätzt oder gar gleichgültig hingenommen,
sondern bewusst gestaltet und ausgeschöpft werden soll. Diese
Einsicht ist ebenso gewichtig wie die anfangs aufgeworfene und ist
jedem aufgegeben. Dies auf eine nachdrückliche Weise deutlich
gemacht zu haben, ist entscheidendes Verdienst dieses Buches.
(c) ixlibris
Leseprobe:
In dieser Nacht stellten
sich auch die ersten Atembeschwerden ein.
Ab und zu wachte ich auf, merkte,
wie schwer es mir fiel, Luft zu holen, wollte es gerne jemandem
mitteilen, schaute mich in dem dunklen Zimmer um, ich war immer noch
allein ... und schlief fast im selben Moment wieder ein.
Es waren schwere, traumlose
Schlafphasen, die meine Sinne trübten und meinen Willen lähmten.
Sobald ich aufwachte, versuchte ich, meine Situation zu begreifen.
Immer wieder schlief ich ein,
wachte auf, wollte den ersten Gedanken denken und schlief ein, bevor
ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte.
Ich wehrte mich gegen den Schlaf,
aber er übermannte mich einfach. Ich versuchte, mich zum Nachdenken
zu zwingen, vergeblich.
In den Wachphasen registrierte ich,
wie ich nach Luft schnappte, und verfolgte, wie mir das Atmen
zunehmend schwerer fiel. Ich bemühte mich, tiefer einzuatmen, doch
hatte ich mittlerweile nicht einmal mehr eine Sekunde Zeit, um
meinem Körper irgendwelche Befehle einzuhauchen.
Ich hoffte, dass ein Gefühl der
Angst oder Panik neue Energien mobilisieren würde, aber ich war
bereits zu geschwächt, um überhaupt noch Angst zu empfinden. Außer
einem dumpfen, alles lähmenden Allgemeinzustand gab es nichts mehr
wahrzunehmen.
Einzig und allein meine
Gehirnzellen suchten noch nach einem Ausweg. Da mir selbst die
Träume genommen worden waren, hatte ich kaum eine Möglichkeit, mich
mit der Krankheit auseinander zu setzen. Bei meinem nächsten
Wachzustand waren die Atembeschwerden bereits in eine akute Atemnot
übergewechselt.
Ich brauchte Hilfe. „Ich kann nicht
mehr atmen!“, rief ich halblaut ins Zimmer hinein. Es war wohl mehr
ein Flüstern. Mit Sicherheit hatte es niemand gehört.
Der Schlaf kam zurück.
War es das Unterbewusstsein, das
mich immer wieder aufweckte? Ich wurde nun häufiger wach. In diesen
Momenten konzentrierte ich mich darauf, den Notknopf zu drücken. Ich
plante nicht, was zu tun war, ich programmierte es ein: „Aufwachen,
auf den Notknopf drücken!!!“
Nach mehreren Wach- und
Schlafphasen gelang mir das fast Unmögliche. Mit einem schier
unbeschreiblichen Aufwand an Kraft und Willen erreichte ich diesen
Knopf und schickte meinen Hilferuf in die nächtliche Stille des
Krankenhauses hinaus.
Ich hatte es geschafft.
Für den Bruchteil einer Sekunde
erspähte ich den weißen Kittel der Nachtschwester. „Ich kann nicht
mehr atmen!“, schleuderte ich in den Raum, mein Leben schien
gerettet ...
Mittlerweile hatte ich einen
Zustand erreicht, in dem ich weder wach bleiben noch schlafen
konnte. Eigentlich fiel ich alle paar Sekunden in meinen
Schlummerzustand zurück. Fast im selben Moment weckte mich mein
Körper wieder auf, weil er nicht mehr genug Sauerstoff erhielt und
sich gegen den nahen Tod aufbäumte.
Ich röchelte. Meine Güte, wo
blieben diese Leute? So etwas konnte dem Krankenhauspersonal doch
nicht verborgen bleiben. Nur noch ein paar Minuten durchhalten, sie
waren bestimmt auf dem Weg zu mir.
Die Lunge funktionierte nicht mehr.
Natürlich, die Lunge war ein Muskel. Sämtliche Muskeln in meinem
geschwächten Körper stellten ihre Funktion ein. Ganz langsam, nach
und nach. Die Beine waren nur der Anfang gewesen.
Ich konzentrierte mich auf die
Lunge. Jeder Atemzug wurde zum Kraftakt.
Gleich würden sie kommen. Ich
versuchte, meinen Brustkorb zu zwingen, sich zu heben.
Eiiiinaaaaatmeeeen! Aus. Eeeeiiiin! Aus. Eeeeeeiiiiiiiiiinnn!
Bitteeeee!
Als ich das nächste Mal aufwachte,
sah ich die Ärzte.
Endlich! Drei waren es. Sie standen
in der Tür. Silhouetten. Die Gesichter konnte ich nicht erkennen,
weil im Krankenzimmer auch jetzt noch kein Licht brannte und der
hinter ihnen liegende, grelle Schein der Flurlampen ihre Gestalten
in dunkle Schatten verwandelte.
Hatten sie mich schon untersucht?
Warum sagten sie nichts? Eine Ärztin war dabei, so viel verrieten
mir die Gestalten ...
Ein Anflug von Ratlosigkeit
durchströmte das Krankenzimmer.
Kommt her! Irgendwie musste ich
diesen Leuten klar machen, dass es sich hier um einen Fall von Leben
und Tod handelte.
„In fünf Minuten bin ich weg“,
stieß ich hervor, „ich kann nicht mehr atmen!“
Die Silhouetten rührten sich nicht
von der Stelle. Hörte ich ein Gemurmel? Warum sprachen sie mich
nicht an?
Schließlich kam Bewegung in die
Gruppe. Die Gestalten drehten sich um, traten auf den Flur hinaus
und ... schlossen die Tür hinter sich.
Ich konnte es nicht fassen. Hatten
sie mich nicht gehört?
Sie würden mich hier doch nicht
liegen lassen? Hatten sie sich auf den Flur zurückgezogen, um dort
zu beratschlagen? Oder hatten sie den Ernst der Lage nicht erkannt?
In welchen Abständen wurde in der Nacht nach den Patienten geschaut?
Stündlich? Halbstündlich? Ich wusste, wenn diese Leute in einer
halben Stunde wiederkämen, würden sie mich tot in meinem Bett
finden. Ich durfte sie nicht gehen lassen. Ich musste sie
festhalten!
Und obwohl es mir trotz der Schwere
der Situation unendlich peinlich war, rief ich. Ich hielt den Atem
an und legte meine ganze, noch verbliebene Kraft in meine Stimme.
„Hilfe! Ich ersticke, ich ersticke,
ich ersticke ... !!!!!“
(Text: © Heike Major)
Heike Major
Nur eine
Lungenentzündung – Begegnung mit dem Tod
Preis: 9,90 Euro
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