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Hermann R. Lehner
"Was suchst du?" - Arbeitsbuch zum Erwachen
ISBN 3-929046-76-8
200 Seiten
Paperback
EUR 18,90
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Einleitung
„Das einzige
‘Erwachen’ ist das
Wahrnehmen Dessen-Was-Ist.“
[Sri Nisargadatta
Maharaj]
Es war schon ein verdammt langer Weg,
den ich gehen musste, um das zu erfahren, was man als die Erkenntnis
unserer wahren Natur bezeichnen kann. Eine Serie kleiner
telepathischer Ereignisse Ende der Siebziger brachte die Suche ins
Rollen, und mir kommt es heute so vor, als ob mir gerade nur so viel
Einblick in die Wunder des Lebens gegeben wurde, dass die Suche
beginnen konnte.
Während ich mein normales Leben
lebte, war die Suche immer vorhanden. Es war die Suche nach etwas,
von dem ich lange nicht wusste, um was es ging. Aber sie verfolgte
mich wie ein ständiger Schatten. Wann immer ich Zeit hatte – manchmal
mehr, manchmal weniger –, suchte ich. Es ist schon erstaunlich, dass
ich mich all die Jahre noch nicht einmal gefragt hatte, nach was ich
da eigentlich suchte!
Ich studierte alle mögliche Literatur
des Westens wie des Ostens. Ich übte mich in verschiedensten
Meditationen, reiste nach Japan und besuchte ZEN-Priester, landete
bei Sekten und Religionsgruppen und erhielt überall vollmundige
Versprechungen und „überzeugende“ Argumente über den Sinn und das
vermeintliche Ziel meiner Suche. Aber ich bin dabei weder klüger,
erleuchteter oder himmlischer geworden – höchstens ärmer. Neunzehn
Jahre hatte diese „Irrfahrt in Glaubensrichtungen“ gedauert! Bis der
Ärger, der Überdruss und oft auch die Verzweiflung über die
Vergeblichkeit meines Bemühens alles andere überstieg. Und damit auch
die Hoffnung hinwegfegte, überhaupt noch etwas finden zu können! Ich
konnte also gar nicht anders: Ich musste alles „über Bord“ kippen,
was ich bis dahin gehört, studiert und geglaubt hatte, und – ich
stand wieder „nackt“ da. Und stellte mir nur noch die Frage: „Was
suchtest du eigentlich?“
Ich muss zugeben, ich war äußerst
verblüfft, dass ich keine Antwort finden konnte, die mich
einigermaßen zufrieden gestellt hätte! Alles, was mir bis dahin
sinnvoll, wahrscheinlich oder gar richtig erschienen war, erwies sich
bei genauerem Hinsehen als illusorisch, oder die Techniken und
Praktiken zur Erreichung eines versprochenen Ziels waren für mich
undurchführbar, unglaubwürdig oder zweifelhaft. Und so musste ich mir
damals eingestehen: Ich stocherte immer nur im Trüben! Ich wusste
nicht wirklich, nach was ich suchte! Und trotzdem bohrte es weiter in
mir – ich konnte einfach nicht aufhören, zu suchen. Es ging nicht!
Irgendetwas trieb mich weiter. Immer weiter.
Heute weiß ich, dass all die, die auf
die Suche geschickt werden, einen Impuls aus dem Unbekannten
erhalten, und ich weiß auch, dass niemand wirklich in der Lage ist,
die Suche aus eigenen Stücken für immer zu beenden. Es ist dieses
Unbekannte, dieses ES, das dies bewerkstelligt, und es ist
auch dieses Unbekannte, das das Zepter bei der Suche in der Hand
behält. Niemand kann wirklich wissen, was er da eigentlich sucht,
auch wenn manche glauben, sie wüssten es, denn diese Suche ist
die Suche nach dem Unbekannten, nach unserem wahren Wesen, nach dem,
was wir wirklich sind. Und was wir wirklich sind, ist niemals mit dem
Verstand, mit dem Denken also, begreifbar. Erst wenn das Denken
aufgehört hat, können wir uns selbst erkennen als das, was wir
wirklich sind, immer waren und immer sein werden.
Lass es mich humorvoll darstellen:
„Da betet ein
Mann seit über zwanzig Jahren täglich, das Unbekannte möge ihm doch
seine Wünsche erfüllen. Eines Tages ertönt eine Stimme von oben und
sagt: „Ja, dann gib mir halt eine Chance, und hör wenigstens einmal
mit dem Denken auf!“
So oder so ähnlich könnte man das
Erwachen, die Erleuchtung, die Befreiung oder die
Selbst-Verwirklichung in Kurzform darstellen. Es ist letztendlich das
Unbekannte, das diese Welt regiert und immer regieren wird, und
sobald du dich diesem Unbekannten voll und ganz „hingeben“ kannst,
gibt es nichts mehr zu wissen, nichts mehr zu tun und nichts mehr
anzustreben. Dieses Unbekannte kannst du nie wirklich ergründen, und
– du brauchst es auch gar nicht. Sobald du dies in seiner ganzen
Tiefe erfasst hast, wird deine Suche zu Ende sein.
Tatsächlich begegnest du dem, was du
suchst, jeden Tag. Nur: Du erkennst es nicht. Warum ist das so? Der
Kern des Problems liegt in einem Ausspruch, den wir alle nur zu gut
kennen: „Der Mensch denkt, Gott lenkt!“ Gott aber ist eine von
uns selbst erschaffene Vorstellung in unserem Verstand – quasi als
greifbarer oder verstehbarer Ersatz für das Unbekannte, das
Unendliche, das Absolute. Und so macht in der heutigen Zeit dieser
Spruch vielleicht mehr Sinn, wenn man ihn so zugespitzt definiert,
wie ich es am liebsten tue: „Das Unbekannte lenkt immer, der
Mensch denkt immer umsonst!“
Letztendlich geht es bei deinem
„Erwachen“ also um nichts anderes, als um das Beenden jenes Denkens,
das der griechische Philosoph Plotin folgendermaßen beschrieben hat:
„Das Denken
ist ein Produkt des Strebens.
Das Eine, Göttliche bedarf nicht des Denkens.“
[Plotin]
Ich weiß sehr wohl aus eigener
Erfahrung, dass das Beenden dieses Denkens eines der schwierigsten
Unterfangen im Leben überhaupt ist. Du bist gewöhnlich nicht in der
Lage, es zu unterlassen, denn dein Verstand hat nur eine Funktion: Zu
denken, was mit dir war, was mit dir ist und was mit dir sein wird.
Wenn er damit aufhören würde, käme dies seinem Tod gleich. Und wer
bringt sich schon gern selbst um?
Dein „Ich“, das du auch unter dem
Begriff „Ego“ kennst, hat einen gewaltigen Lebensdrang, und es ist
für dieses „Ich“ unvorstellbar, nicht mehr „leben“ zu dürfen. Das
Erwachen, die Erleuchtung oder die Selbst-Verwirklichung bedeutet
aber die Auflösung dieses persönlichen „Ich“. Im Christentum wird es
mit Jesus symbolisch gekreuzigt, damit wir uns anschließend durch die
Erlösung und Auferstehung als „Herr“ wieder erkennen können. Aber
keine wörtliche Erklärung kann uns dieses Mysterium – egal, ob
westlich, östlich, religiös oder philosophisch dargestellt –
vollständig verstehbar machen.
Wir kommen dennoch nicht drum herum:
Dein in der Vergangenheit verwurzelter und in die Zukunft denkender,
auf dich als Person bezogener Verstand, dein Ego also, muss aufgelöst
werden. Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt das, was wir als
„Suche“ verstehen, so stoßen wir auf einen verrückten Widerspruch: Im
Grunde suchen wir nämlich mit unserem Denken eine Lösung, die
unseren Verstand befriedigen soll – wir wollen ein besseres
Leben haben, wir wollen glücklich sein, usw. Aber all das sind
Wünsche eines Egos, eines denkenden Verstandes. Erwachen jedoch kann
erst geschehen, wenn wir alle Wünsche, Sorgen und unsere
Vorstellungen über uns und die Welt als nicht zu uns gehörig erkannt
haben. Erwachen hat unmittelbar nichts mit einem besseren Leben zu
tun, es hat nichts mit einem glücklicheren Leben zu tun – ja, all
diese Vorstellungen verhindern das Erwachen sogar. Und dennoch tritt
mit dem Erwachen genau das ein: Das Leben wird unendlich viel
glücklicher, weil sich ein uneingeschränktes Gefühl von Freiheit
ausbreitet. Es ist die Freiheit von jenem Denken, das uns ständig mit
Zweifeln und Ängsten und Skrupeln überschüttet und damit immerfort
Schmerz und Leid zufügt.
Ich bin der Meinung, dass es das
Interesse eines jeden Suchenden ist, die Wahrheit, soweit sie in
Worte gefasst werden kann, unverblümt und direkt vermittelt zu
bekommen. Ich schmeichle daher keinem Ego, das sich so gern in
falschen Vorstellungen suhlt, um sich seiner Auflösung entziehen zu
können. Es ist für mich kein Akt der Barmherzigkeit, Menschen weiter
leiden zu lassen, nur weil ihr Ego sich wehrt. Klar: Die Auflösung
des Egos ist durchaus kein Vergnügen, der unendliche Frieden und die
grenzenlose Freiheit, die danach folgen, sind dagegen „himmlisch“.
Es bedarf letztendlich keiner der
traditionellen Erklärungen, Lehren oder Techniken, um zur „Erlösung“
zu gelangen. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir alles, was wir
über uns und die Welt denken, begraben. Und nicht wenige dieser
Vorstellungen werden aus den alten Lehren heraus geschürt. Doch sind
sie wirklich so unerschütterlich? Für immer und ewig wahr? Durchaus
nicht, denn ganze Religionsgebäude, auf die wir uns stützen, basieren
darauf, dass Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen, verallgemeinert
und aus ihren Zeitbezügen herausgelöst wurden.
Und noch etwas wird mir immer klarer:
Aus der Selbst-Verwirklichung ergibt sich nicht zwangsläufig die
Begabung zum Lehren. Mein verstorbener Lehrer Sri Nisargadatta
Maharaj hatte diese Begabung in besonderem Maße. Obwohl ich ihn
nie persönlich kennen gelernt habe, hat mich allein das Lesen seiner
Worte auf direktem Wege in die Freiheit geführt. Denn in all seinen
Äußerungen blieb er direkt und ohne Abweichungen bei der höchsten
Wahrheit und ließ damit meinem Ego keine Chance.
„Das falsche
Selbst will immer schön
gemütlich so weitermachen.“
[Sri
Nisargadatta Maharaj]
Hören wir also auf damit, gemütlich
so weiterzumachen! Dieses Buch ist ein Arbeitsbuch für diejenigen,
die bereit sind, sich selbst ins eigene Antlitz zu schauen. Die
bereit sind, den illusorischen Charakter dieser Welt und damit auch
ihres Lebens gewahr zu werden – allein durch das Hinterfragen all
ihrer gewohnten Vorstellungen und Gedankenkonzepte.
„Alles, was ich tun kann, ist
Ihnen zu zeigen,
dass Sie nicht sind, was sie zu sein glauben.“
[Sri
Nisargadatta Maharaj] |