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Hermann R. Lehner
"Was suchst du?" - Arbeitsbuch zum Erwachen
ISBN 3-929046-76-8
200 Seiten
Paperback
EUR 18,90
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LESEPROBE
Kapitel 15
Wie groß ist die Welt?
Kommen wir nun zu einer Frage, bei der du möglicherweise an meinem
Verstand zweifeln wirst – und dann vielleicht sogar auch an deinem!
Ich frage dich nämlich: Ist die Welt so groß, wie du glaubst? So
riesig? Scheinbar unendlich? Woher weißt du das? Berufst du dich
dabei auf das Wissen renommierter Wissenschaftler, die herausgefunden
haben, dass es in einer Entfernung von Milliarden von Kilometern
immer noch Sterne gibt und Galaxien? Hast du die Landung
amerikanischer Astronauten auf dem Mond im Fernsehen gesehen? Und die
Sonnenfinsternis vor einigen Jahren? Ja, es scheint so auszusehen,
als wäre das Universum unendlich groß! Aber stimmt das wirklich? „Ich
kann es doch sehen, wenn ich nachts in den Himmel schaue!" – wirst du
vermutlich antworten, und ich muss zugeben, dass deine Antwort
plausibel klingt. Aber ist sie das wirklich? Vielleicht sitzt du ja
auch nur einer Fata Morgana auf! Lass uns das einmal näher
betrachten:
Wenn du in einem Planetarium das Bild des Himmels durch eine
3D-Brille betrachtest, wirken die Sterne ebenfalls weit entfernt,
aber sie sind es nicht! Oder kennst du das Phänomen des Föhns in den
Alpen? Oder auch im Norden Japans? Dann erscheinen dir die Berge zum
Greifen nahe! Wie also kannst du dir sicher sein, dass deine
Empfindung von Entfernungen tatsächlich der Realität entspricht?
Könnte Entfernung – und damit die Vorstellung von Raum – nicht auch
eine optische Täuschung sein? Eine Illusion?
Eine andere Frage: Gibt es Australien wirklich? „Ja natürlich!",
wirst du sagen, und deine Antwort scheint auf den ersten Blick
richtig zu sein. Und trotzdem behaupte ich, dass du dir nicht
vollkommen sicher sein kannst. Angenommen, du würdest mir gegenüber
sitzen, dann wäre alles wirklich, was du jetzt sehen kannst – und ich
meine jetzt: das Zimmer, in dem wir sitzen, die gegenüberliegende
Hauswand, die du durch das Fenster siehst, der Garten vielleicht, der
Teppich, die Bilder, mich usw. Das war’s. Schon die Annahme, dass
hinter der gegenüberliegenden Hauswand tatsächlich ein Haus steht,
kannst du nicht beweisen. Wir könnten ja auch in einem Filmstudio
sitzen, und du würdest lediglich auf eine Kulisse blicken! Auf ein
Potemkinsches Dorf!
Was du also jetzt nicht wahrnehmen kannst, kannst du nur vermuten.
Hinter der Wand könnte natürlich ein Haus stehen – aber theoretisch
auch nicht. Du kannst es, so lange du mit mir in diesem Raum sitzt,
nicht wirklich wissen! Du glaubst nur zu wissen – weil du dich
erinnerst! Weil du vielleicht, als du auf dem Weg zu mir warst, eine
Frau gesehen hast, die aus dem Haus gekommen ist. Oder weil du von
der Vermutung ausgehst, dass sich hinter Häuserwänden normalerweise
immer auch Häuser befinden. Aber dass es sich tatsächlich auch in
diesem Fall, in diesem Moment so verhält – dafür hast du keinen
Beweis.
Und du hast auch keinerlei Beweis dafür, dass Australien in diesem
Moment existiert. Du könntest hinfliegen und dich vergewissern, aber
dann wäre nur noch Australien – oder das, was du von ihm siehst –,
vor deinen Augen und Europa lediglich eine Erinnerung!
Nun könnte es der Zufall wollen, dass du ein Fernsehprogramm
einstellst, auf dem gerade eine Live-Sendung aus Australien
übertragen wird. „Australien existiert!" – würdest du triumphieren.
Und ich würde entgegnen: „Alles was du jetzt wahrnimmst, ist ein
bewegtes Bild auf dem Monitor, das vorgibt, Australien zu sein!"
Lass uns an dieser Stelle noch einmal in die Traumwelt gehen und
stelle dir vor, in einem deiner nächtlichen Träume sitzt du in einer
Bar. Du siehst den Tresen vor dir, ein Regal mit Flaschen und
Gläsern, ein paar Menschen auf Barhockern, die vor ihren Drinks
sitzen, vielleicht eine Tanzfläche, eine Tür. Du hörst Musik aus den
Boxen und nimmst das Gemurmel der Gäste wahr. Hast du im Traum
tatsächlich den Eindruck, dass draußen, außerhalb der Bar, in der du
dich gerade befindest, eine Welt ist? Nein! Und genau das meine ich!
Im Traum nimmst du nur das Gegenwärtige wahr. Du denkst nicht an eine
Vergangenheit. Und so ist deine Traumwelt klein. Wenn in deinen
Träumen die Bilder wechseln, so passiert das augenblicklich. Eben
noch warst du in der Bar, und von einem Moment auf den anderen
befindest du dich vielleicht an einem Strand in Italien. Du siehst
das Meer vor dir, den Himmel, und jeglicher Gedanke an die Bar zuvor
ist verschwunden. Du fragst dich nicht, wie du da jetzt plötzlich
hingekommen bist, ob China existiert oder wie es den Pinguinen am
Südpol geht – du bist einfach in Italien. Warum ist das so? Weil du
im Traum immer nur im Moment bist! Und wo es keine Vergangenheit
gibt, gibt es zwar Gedanken und Emotionen, aber keine Denkprozesse
mehr. Damit reduziert sich die Welt auf das, was unmittelbar um dich
ist. Sie wird überschaubar.
Auch im Wachzustand ist das Universum nur so groß, wie du es
gedanklich erschaffst. Und wenn du glaubst, dass die Erinnerung
genauso real ist wie die Gegenwart, wird es riesig und kompliziert
werden. Dabei ist das Universum vielleicht nur in deinem Verstand und
deswegen auch nur so groß, wie du es dir vorstellst. Genau wie dein
nächtliches Traumuniversum! Weil es vielleicht genau so illusionär
ist wie dein nächtlicher Traum!
Habe ich dir mit dieser Geschichte nur einen Bären aufgebunden? Es
liegt an dir, deine eigene Wahrheit zu finden. Aber nimm dich in Acht
vor allzu schnellen Schlussfolgerungen! Es könnte ja sein, dass du
dich irrst! Wer weiß das schon? Was heute wahr ist, wird vielleicht
schon morgen zur Unwahrheit! |